Das Impfdesaster beginnt im Kopf

Deutschland hat ein Problem: Uns ging es jahrelang einfach zu gut. Darum war die Not, sich zu ändern, die Herausforderungen der Digitalisierung anzugehen, nie groß genug. Das rächt sich jetzt in der Corona-Krise. Aber nicht nur bei der Digitalisierung von Schulplattformen, Patientenakten und Corona-Warn-Apps hinken wir meilenweit hinterher. Wir hinken im Denken hinterher. Ein besonderes krasses Beispiel bietet das deutsche Impfdesaster. Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir erst im Sommer 2023 alle geimpft haben!

Quelle Quarks/Instagram: Wenn es so weitergeht, schaffen wir die Impfung erst im Sommer 2023!

Jede Spritze zählt!

Natürlich ist das viel zu langsam. Denn der Virus passt sich rasant an neue Herausforderungen an – durch Mutationen. Damit die größte Impfaktion der Weltgeschichte auch in Deutschland zu einem Erfolg wird, müssen wir also schneller, VIEEEEL schneller möglichst viele Menschen impfen. Es gibt eine einfache Formel: Jede Spritze zählt. Wenn ich in an der Stelle von Jens Spahn gewesen wäre, wäre dies mein wichtigste Botschaft gewesen. Aber nein. In Deutschland stehen wir uns mal wieder selbst im Web. Wir befolgen dumpf die politisch motivierten Anweisungen der Ethikräte und der Ständigen Impfkommission. Ob die Sinn machen oder nicht, darf nicht hinterfragt werden. Ja, die Über-80-jährigen haben die höchste Wahrscheinlichkeit für einen schweren und tödlichen Verlauf. Aber! Es ist eine Pandemie. Jede Impfung von Jüngeren senkt also mit mathematischer Gewissheit den Verlauf der exponentiellen Ausbreitung.

%
der Deutschen sind 1 x geimpft
in 2 Jahren wären alle geimpft
müssten wir täglich impfen

Wieso diskutieren wir über Impfdrängler statt Gas zu geben?

Und wieso können wir nicht beides machen? Warum können nicht mobile Impfteams mit hoher Priorität die ältesten und gefährdetsten Menschen in den Pflegeheimen impfen, während wir parallel Impfwillige versorgen? Wieso um Himmels willen führen wir in Deutschland Diskussionen über Impfdrängler?! Ich bin habe die Impfung in einem Pflegeheim bei uns in der Region dokumentiert und war begeistert, wie pragmatisch und zielorientiert die Menschen vor Ort, die Betreiber des Pflegheims, die lokalen Ärzte und Apotheker die Impfung organisiert und durchgeführt haben. Aber berichten durfte ich darüber nicht – aus Angst vor Anfeindungen! Aus Angst vor Impfneid. Warum kann man sich nicht für jeden Geimpften freuen? Der schützt doch auch mich und die Gesellschaft durch sein Engagement.

Ärzte haben Angst vor Anfeindungen

Tatsächlich habe ich von Ärzten erfahren, die sich von Anfang an in der Impfkampagne engagiert haben bzw. dies wollten, sich aber nun wegen der täglichen Anfeindungen zurückziehen. Hier zeigt sich ein ähnliches Bild wie bei den Schulen: Die Ärzte und ihr medizinisches Fachpersonal müssen die Sorgen und Ängste, den Groll auffangen, den die Bundesregierung durch ihre verpatzte Impfkampagne erzeugt. Es ist absolut unverständlich, dass in Amerika schon über 80 Millionen Menschen geimpft wurden, also die Gesamtbevölkerung Deutschlands, während es bei uns erst 4 Millionen sind. Wie kann es sein, dass Amerika 20 Mal schneller impft als wir?! Es ist absolut unverständlich, dass die Regierung erst jetzt – ein Jahr nach Beginn der Pandemie! – prüft, wie sich Hausärzte und Betriebsärzte in die Impfkampagne integrieren lassen. Da fasst man sich doch an den Kopf!

Wer macht in Deutschland eigentlich die Politik?

Ich habe mit Ärzten gesprochen, die impfen wollen, es aber nicht dürfen, weil man dies erst in einem Modellversuch in der nächsten größeren Stadt testen müsse. Das darf doch nicht wahr sein! Was gibt es denn da zu testen? Die Spritze muss in den Arm – und zwar in so viele Arme so schnell wie möglich. Hier in Deutschland brauchen wir viel zu lange, bis alle Bedenkenträger und Sichselbstzuwichtignehmer mit an Bord geholt worden. Manchmal beschleicht mich sogar das Gefühl, dass die Politik erst aktiv wird, wenn unser Vorzeigevirologe Drosten in seinem Podcast das grüne Signal gegeben hat. Kaum sagt Drosten: „Die Ärzte kennen ihre Pappenheimer“ gibt es auch bei populistischen Politikern wie Söder & Co. entsprechende Vorstöße. Dabei wäre es nicht die Aufgabe von Virologen, Politik zu machen und sich um den Schutz der Bevölkerung verdient zu machen. Das ist die Aufgabe der Politik – und sie scheitert grandios.

Quelle Spiegel: Die Strategie der Regierung beruht auf drei Säulen, die komplett verschlafen wurden.

Das Impfdesaster wird sich fortsetzen

Das Impfdesaster wird sich fortsetzen, wenn wir es nicht schaffen, agiler auf die Anforderungen in der Corona-Pandemie zu reagieren. Wir dürfen nicht immer nur auf einen Masterplan A setzen, sondern müssen frühzeitig verschieden Szenarien durchspielen und im Live-Betrieb testen. Es kann nicht sein, dass die Impfstraßen seit Weihnachten startklar sind, aber bis heute nicht unter Vollbetrieb laufen. Es kann nicht sein, dass wir ausschließlich auf Impfstraßen setzen. Dass dezentrale, regionale Impf-Teams in Ergänzung sinnvoll sind, muss doch jedem klar sein. Allerdings muss sich jemand damit beschäftigen. Wie können die Impfstoffe von Zentrallagern zwei Mal im Tag in die Regionen geliefert werden? Macht das die DHL, der Apotheken-Notdienst oder Amazon? Wer organisiert die Impffreiwilligen vor Ort? Können das nicht Event-Manager und Caterer übernehmen, die zurzeit wegen der Pandemie nicht arbeiten dürfen? Warum lobt man nicht einen Incentive aus, einen Mini-Bonus für jede Spritze, statt Ärzte nach Stundenhonorar zu bezahlen?

Es gibt immer einfache, praktische, agile Lösungen. Man muss sie aber auch wollen. Und das beginnt im Kopf.

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Ein Gedanke zu „Das Impfdesaster beginnt im Kopf

  1. „Das Impfdesaster wird sich fortsetzen“: Leider scheint sich meine Prognose zu bewahrheiten. Inzwischen kritisieren auch die Amtsärzte offen die mangelnde Flexibilität bei der Ausweitung der Impfungen. „In Deutschland wollen wir immer alles ganz besonders ordentlich und gründlich machen“, beschwert sich Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärzt*innen im Öffentlichen Gesundheitsdienst. Teichert weiter: „Beim Impfen stehen uns Gründlichkeit und Perfektionismus im Moment im Weg“. Besser wäre es, unkomplizierte, pragmatische Lösungen zu finden.

    Kritik komm auch vom Verbandspräsident Ulrich Weigeldt: „Die Praxen könnten sofort mit dem Impfen loslegen.“ Aber laut Bundesgesundheitsministerium könnten die Praxen wohl erst Mitte April starten – vorgeblich wegen Knappheit des Impfstoffes, tatsächlich aber auch weil man von Plan A, den Impfstraßen, nicht abweichen will. Verbandspräsident Weigeldt sagte, die Hausärzte sind erschüttert und fassungslos , dass der längst überfällige Impfstart in unseren Praxen nun weiterhin auf die lange Bank geschoben wird.

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„Die Digitalisierung ist erst der Anfang.“ AGILERO unterstützt Unternehmen bei der Digitalen Transformation durch die Einführung von agilen Methoden wie Scrum Projektmanagement.

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